Linespezial

Der junge Mann

Der Tisch ist gefüllt mit Leuten. Sie essen, gut und teuer, aber darüber machen sie sich keine Gedanken. Es wird viel gelacht. Nur ein junger Mann sagt ab und an etwas. Er lauscht dem Gelächter, schmunzelt, um nicht ganz aus der Reihe zu tanzen. Doch dann hört er etwas, das für ihn von Interesse ist. Ein Mann möchte einer alten und faltigen Frau den Hof machen. Sie ist scheinbar sehr reich und lebt ein verschwenderisches Leben. Davon angezogen, sagte er etwas, dass die eine oder andere Dame am Tisch aufhorchen lässt.

 „ Das ist aber eine schöne Kette.“

Der Mann lächelt wissend und fügt kurze Zeit später hinzu: „und es sind echte Perlen, die ihre Anmut zur Geltung bringt.“

Ein schelmisches Lächeln macht sich auf seinem Gesicht breit. Die alte Frau errötet. Dies kann jeder in der Gesellschaft sehen. Das findet der junge Mann sehr erstaunlich, denn die Frau ist mit Tonnen von gemalter Schönheit bedeckt. Der junge Mann, nimmt mit großem Staunen wahr, dass nach und nach jeder Mann seiner Begleitung ein Kompliment macht. Mal ist es laut, so dass jeder es hören kann, ein anderes Mal ist es nur eine getuschelte Indiskretion die am Tisch für zu viel Furore sorgen würde.  Diese Frauen werfen dann ihren Fächer vor ihr Gesicht in gespielter Pikiertheit. Dann werfen alle am Tisch, einen wissenden Blick zu seiner Begleitung. Der junge Mann, der ohne Begleitung gekommen ist muss lachen. Erst leise, in sich hinein. Dann werden die Gespräche immer indiskreter und der junge Mann kämpft gegen das Verlangen an nicht auf zu stehen und zu gehen.

„Sagen Sie teuerste“, Der Mann rückt näher an die alte Frau.   

>Das wird sicher wieder amüsant<, denkt sich der junge Mann und setzt sich grade auf seinen Stuhl, um besser das Geschehen zu verfolgen.

 „Glauben sie an die personifizierte Eifersucht?“  „Nein mein Guter. Ich hoffe das jeder mit seinem Los im Leben zufrieden ist.“ Die alte Frau stupst den Mann spielerisch mit ihrem Fächer. „Nun, an was würden sie glauben, wenn es vor Ihnen steht? Die Liebe, den Hass, Armut oder ist es gar wie die Gewalt?“

Alle in der Runde teilen sich einen Gesichtsausdruck. Jeder schaut die sichtlich überforderte Frau an.

„Ich glaube an…“ setzt sie nach kurzem Zögern an. „…an die personifizierte Widerwertigkeit! Es gibt so viele Freudenmädchen. Das ist für mich die personifizierte Gestalt der Widerwertigkeit die ich sofort für real halten könnte!“ Ein unbequemes Schweigen tritt an den Tisch. Nur der Lärm der von den anderen Gästen produziert wird, ist zu hören. Da meldet sich der  junge Mann zu Wort.

„ Meine Teuerste, ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen.“

Der junge Mann wartet auf eine stumme Bereiterklärung der alten Frau.  Er erhält sie nach kurzem Zögern.

„ Es war einmal eine sehr schöne Frau, sie war nicht zu jung und nicht zu alt. Sehr schön und aus gutem Hause. Jeder wollte mit ihr gesehen werden, denn wer sie kannte und mit ihr gesehen wurde, dem standen in Paris alle Türen offen. Diese Frau beschloss, eines schönen Tages dass nur noch Männer ihre Bekanntschaft machen durften. Gewiss, Sie hatte auch weibliche Freundinnen. Denn wie wir alle wissen, ohne weibliche Präsenz oder  Unterstützung ist eine Frau, die etwas von sich hält nicht in der Lage zu Überleben.“

Der junge Mann schmunzelt über die Zustimmung der Männer und der verächtlichen Blicke der Frauen.

„Verzeihen Sie mir bitte diese Bemerkung meine Damen, aber für einen einfachen Mann wie mich, kommt es mir von Zeit zu Zeit so vor.  Nun diese junge Dame wollte nicht auf die schönen Dinge im Leben verzichten, also hat sie weiterhin Einladungen angenommen. Jeder Mann der nicht allein in die Oper gehen wollte, musste ihr nur einen Nachricht zukommen lassen und schon wurde er von der Gesellschaft in Paris behandelt wie der König persönlich.  Diese Dame war sehr keusch, nun damit will ich sagen, dass nie ein Mann ihr Schlafzimmer von innen gesehen haben soll.“

Gelächter macht sich in der Gesellschaft bemerkbar.

 „Die Ärmste, dann verpasst sie doch die schönsten Dinge im Leben!“ Raunte ein angetrunkener Mann, dem jungem Mann zu.

„ Wenn Sie es so sehen wollen, dann haben Sie Recht. Sie jedoch hat es anders gesehen. Jeder der sie genau auf  dieses Thema ansprach, hatte kurze Zeit später keine Freunde mehr in Paris und in weiten Teilen von Frankreich. Also vermieden die meisten es sie zu kränken. Diese Dame war sehr klug und gelangweilt, also spielte sie mit den Männern. Sie  versprach ihnen Dinge, Dinge die sie dazu benutzte, die Herren in der Hand zu haben.“

„Für mich hört sich diese Frau nach einer sehr verbitterten Frau an, die unzufrieden mit sich und der Welt ist!“, sagt eine Frau die sich gekränkt, von so viel Offenbarung der weiblichen Welt fühlt und mustert den jungen Mann mit strafendem Blick.

 „ Es tut mir leid meine Teuerste. Ich wollte Sie nicht kränken.“

„Das haben Sie auch ganz und gar nicht.“ Gibt die Frau verärgert zurück. „ Fahren Sie fort mit Ihrer Geschichte.“

„Sehr gern. Diese Frau hatte alles, was sie wollte und doch war ihr langweilig.

 Also beschloss sie einen kleinen Streit unter den Männern zu stiften.

Sie verkündete, dass sie sehr beschäftigt sei und nur noch wenige Männer sehen wolle. Dadurch bezweckte sie, dass nur die Männer, die ihr etwas gaben sie sehen durften. Alle Männer versuchten es mit Schmuck und schönen Kleidern. Sie genoss es alles zu bekommen wovon andere Frauen Nachts in ihren Träumen schwärmten. So ergab es sich, dass sie für ein Abendessen in Maxim, einen Diamantenring bekam, in der Größe wie sie nicht einmal die heiß geliebte Verlobte ihn bekommen würde. Kleider mit der Seide die sonst nur Könige tragen, Diamanten in allen Größen und Formen die man sich nur denken kann. Es dauerte nicht lange da hieß es, dass sie die reichste Frau Frankreichs sei und ihr Vermögen einer Königsfamilie zur Ehre gereicht hätte.

Bald darauf wollte die Frau nichts Glitzerndes oder Scheinendes mehr haben.  Sie sagte sie hätte sich genug verkauft.“  

Eine Dame die die ganze Geschichte gespannt verfolgt hatte sah nun etwas enttäuscht aus. Dann erhob sie das Wort um ihrer Enttäuschung Ausdruck zu verleihen.  

 „ Aber was hat sie den gesucht? Ich meine, sie ist doch so wie jede Frau sein möchte! Schöne Kleider und schönen Schmuck. Davon kann man als Frau doch kaum genug haben! Ich bewundere sie auch wenn ich ihre Beweggründe nicht ganz verstehe.“

Da meldet sich die alte und faltige Frau zu Wort.

 „Diese Frau kann ich nur bemitleiden, wenn ich mir so ein Geschäft aufgebaut hätte würde ich so viel daraus profitieren, wie es nur irgendwie möglich wäre.“  

Die alte Frau rümpft die Nase so stark das der junge Mann sich wundern muss dass die Schminkplatten nicht von ihrem Gesicht rutschen.

 „Aber meine Teuerste, dann sind Sie ja genau so wie die Freudenmädchen, die Sie so verachten. Nur das Sie nicht ihren Körper verkaufen sondern ihre Seele. Da ist der Unterschied zwischen Ihnen und der Frau. Sie wollte es nicht mehr, da sie den Zusammenhang gesehen hat. Sie hingegen, sind nur auf Ihr eigenes Glück aus und verstehen nicht, dass Sie damit nicht nur sich selbst unglücklich machen sondern auch alle die Männer, die Sie ausnehmen.“

Die alte Frau ist sichtlich angewidert, sie steht auf um zu gehen.

Da sagt der Mann, der ihr den Hof machen möchte etwas das für sie von Interesse ist und sie setzt sich zögernd wieder. 

„Mein lieber sagen Sie uns, ist das alles nur eine erfundene Geschichte oder ist sie wirklich wahr?“  Der junge Mann lächelt, jedoch an dem Mann vorbei.

 Eine sehr schöne Frau die nicht viel älter ist als der Mann kommt in das Restaurant  und stellt sich lächelnd neben den jungen Mann.

 „Ja, die Geschichte ist wahr.“ Sagt der junge Mann, den Blick nicht von der schönen Frau gerichtet.

„Aber können Sie uns denn sagen, ob die Frau noch das gefunden hat was sie gesucht hat?“ Fragt die Frau die die Geschichte sehr spannend fand.           

Da meldet sich die schöne Frau zu Wort.

 „Hat er die Geschichte mit der reichen und schönen Hure erzählt?“  Die andere Frau stutzt über die Ausdrucksweise der schönen Frau.

 „Sie meinen die Frau die ihre Gesellschaft verkauft hat? Ja das tat er. Und nun wüsste ich gern was Sie gesucht hat und ob sie es gefunden hat?“ 

Da lächelt die schöne Frau und streicht dem jungen Mann übers Haar. „ Ja das hat sie“, beginnt der junge Mann. Und die faltige alte Frau kann einen großen Diamantring an ihrem Finger erkennen. 

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